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Jo Gast
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Verfasst am: 19. Jul 2011 14:54 Titel: Lebensweise Mittelalter |
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Meine Frage:
Wie haben die Leute im Mittelalter gelebt?
Meine Ideen:
Aussehen
Essen
Hygiene
Herrschaft |
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Xabotis Moderator

Anmeldungsdatum: 29.12.2010 Beiträge: 319
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Verfasst am: 19. Jul 2011 15:44 Titel: Re: Lebensweise Mittelalter |
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1. Beachte die Art und Weise, in der du FREIWLLIGE Mitarbeiter um Hilfe bittest.
2. Sieh dich zuerst im Internet nach Informationslinks um, bevor du von uns etwas wünschst.
3. Ohne eigene Ideen wird keine Hilfe gestattet.
 _________________ Alles ist ein Zugang, um das Zentrum zu suchen.
(Konfuzius)
Zuletzt bearbeitet von Xabotis am 20. Jul 2011 21:52, insgesamt einmal bearbeitet |
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DmitriJakov
Anmeldungsdatum: 15.11.2010 Beiträge: 164
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Verfasst am: 20. Jul 2011 09:26 Titel: |
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Ich gehe mal sehr stark davon aus, dass der Fragesteller von den Mythen über das Mittelalter geprägt ist. Dazu empfehle ich mal diesen Abschnitt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelalter#Popul.C3.A4re_Mythen_und_Missverst.C3.A4ndnisse
Da dies sehr verbreitete Irrtümer sind, möchte ich sie auch hier im thread kurz ansprechen:
Die Menschen dachten die Erde ist eine Scheibe
Durch die Beobachtung des Mondes und seiner sichelförmigen Phasen war bereits klar, dass der Mond keine am Himmel aufgehängte Scheibe sein kann. Und so ist auch der bei den Mondfinsternissen beobachtbare Erdschatten gekrümmt. Des Weiteren konnte man beobachten, dass Schiffe am Horizont sozusagen "untergehen" und dass Sternbilder höher oder niedriger am Horizont stehen, je nachdem ob man sich weiter südlich oder weiter nördlich auf See befindet.
Auch der antike Erathostenes ermittelte bereits im 3. Jahrhundert vor Christus überraschend genau den Umfang der Erde.
Die Kugelgestalt der Erde blieb auch durch das Mittelalter hindurch herrschende Lehrmeinung.
Auch die Kirche war kein Gegner dieser Vorstellung. Im Gegenteil, es spielte ihr sogar Argumente in die Hände. Denn es musste ja einen Mechanismus geben, der die Menschen davon abhält mit Schlagseite herumzulaufen oder gar herunter zu fallen. Vor Isaac Newton waren es Platon und Aristoteles, die diesem Phänomen (also dem nicht herunter fallen) die Erklärung lieferten, dass alles im Universum zu seinem Zentrum strebt. Und dieses Zentrum ist eben die Erde.
Ein weiterer Irrtum: Die Menschen lebten in bitterster Armut und Not
Nun, gewiss, sie hatten kein Internet und keine i-phones Aber wieder ernsthaft: Es ist vor dem mechanischen Webstuhl sicher so gewesen, dass Kleidung ein äußerst wertvoller und aufwändig herzustellender Gegenstand war. Allein schon die Herstellung der Fäden war ein Prozess, der permanent in jeder freien Minute durch die Frauen ausgeführt wurde. Daher war Kleidung kein Gebrauchsgut, sondern ein Luxusgut und Statussymbol. Sicher, man mag dies als Armut bezeichnen. Vielleicht bezeichnet man es künftig auch als Armut, dass im 21. Jahrhundert nur ganz wenige Menschen mit dem Hubschrauber täglich zur Arbeit oder in die Schule fliegen.
Die Versorgung mit Nahrungsmitteln war im Mittelalter durchaus gesichert. Das Klima war sogar deutlich wärmer als heute, in England baute man Wein an. Allerdings gab es keine Zuckerrüben, es gab keine Kartoffeln und es gab keinen Mais als Viehfutter. Den erstere wurde erst im 19. Jahrhundert aus der Runkelrübe gezüchtet und letztere beiden kamen erst nach der Entdeckung Amerikas aus der neuen Welt. Man ernährte sich vorwiegend von Getreideprodukten und Fleisch.
Häufig wird die Pest als Seuche dargestellt, die das ganze Mittelalter hindurch die Menschen geißelte. Tatsächlich aber verschwand die Pest um 770 herum und trat danach fast 600 Jahre nicht mehr auf. Erst gegen Ende des Ende des Mittelalters, im Jahr 1347, kehrte sie zurück. Damit kann man sagen, das das Mittelalter überwiegend pestfrei war.
Als Auslöser der Pest werden immer wieder die unhygienischen Zustände des Mittelalters angeführt. Menschliche Fäkalien wurden auf die Straße gekippt und Ratten suhlten sich darin. So weit die Vorstellung Hollywoods und einiger Buchautoren. Tatsächlich aber beschreibt obiger Zustand die Situation in London im 19. Jahrhundert. Wegen des unglaublichen Bevölkerungswachstums der Stadt wurde das Abwasser ein massives Problem. Es gab keine sauberen Trinkwasserquellen mehr, das Grundwasser war verseucht, die Brunnen begannen zu stinken. Versteh mich nicht falsch: die Themse stank da bereits seit Jahrzehnten zum Gott Erbarmen.
Ab 1840 grassierte deshalb in London die Cholera mit mehreren 10.000 Toten. Und 1858 kam es in London zu einem Sommer, der als "The big stink" in die Geschichte einging. (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gro%C3%9Fe_Gestank). Erst danach begann man in London eine Kanalisation zu bauen.
Ehrlich gesagt: Wenn ich wählen müsste zwischen Mittelalter und London in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Ich würde das Mittelalter nehmen.
Das Mittelalter war finster
Tja, Thomas Edison entwickelte halt die (erste wirklich konkurrenzfähige)Glühbirne erst 1880. Davor gab es Gas- und Öllampen und wiederum davor gab es Kerzen. Aber das ist wohl kaum damit gemeint, wenn man vom dunklen Mittelalter spricht. Vielmehr meint man wohl der Rückschritt in Wissenschaft, Kultur und den Verlust der politischen Stabilität, der mit dem Untergang des römischen Reichs einherging.
Der einfache Mensch lebte wohl so weiter, wie er vorher auch gelebt hatte. Größere urbane Siedlungen jedoch hatten nun zunehmend Probleme und verloren an Einwohnern.
Auf der anderen Seite fanden im 11. und 12. Jahrhundert zwei Gründungswellen von bis heute weltberühmten Universitäten statt: z.B. Bologna (1088), Oxford (1167), oder Cambridge (1209). Der Schwerpunkt dieser Universitäten lag aber eher auf Rechtswissenschaften und das, was man damals als Medizin verstand. Naturwissenschaften heutiger Prägung gab es mit Ausnahme der Mathematik noch nicht. Dennoch lebte einer der wichtigsten Philosophen für die moderne Wissenschaft im späten Mittelalter: Wilhelm von Ockham (1285-1347). Das auf ihn zurückgehende "Ockhams Rasiermesser" ist bis in die modernste Quantenphysik hinein das wichtigste Kriterium für den Erklärungswert einer Theorie.
Wie lebte ein Mensch also im Mittelalter? Er hatte kein i-phone und es war ihm wurscht
Naja, versuche Dir vorzustellen, Du lebst ohne Internet und ohne PC. Frag Deine Eltern, wie sie sich in ihrer Kindheit und Jugend damit gefühlt haben. Frag Deine Großeltern, wie sie Ohne CD Player zurecht kamen.
Und dann stell Dir vor, wie Du ohne elektrischen Strom und benzinbetriebene Motoren leben würdest. Deine Landmaschine ist der Ochse und Dein Vergnügen ist das Spiel mit Eltern, Geschwister und Freunden. So haben die Menschen vor 100 Jahren gelebt und so ähnlich lebten sie auch vor 1000 Jahren. |
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MI Administrator

Anmeldungsdatum: 01.11.2004 Beiträge: 1710 Wohnort: München
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Verfasst am: 21. Jul 2011 23:58 Titel: |
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Vielleicht darf ich auch noch meine Sichtweise einstreuen:
Ich gebe DmitriJakov natürlich Recht, einen Punkt möchte ich vielleicht noch etwas diskutieren:
| Zitat: | | Aber das ist wohl kaum damit gemeint, wenn man vom dunklen Mittelalter spricht. Vielmehr meint man wohl der Rückschritt in Wissenschaft, Kultur und den Verlust der politischen Stabilität, der mit dem Untergang des römischen Reichs einherging. |
Dieser Rückschritt wird aber meiner Meinung nach häufig überzeichnet, bzw. die Aussage erweckt den Eindruck, dass dieser Rückschritt über die gesamte Länge des "Mittelalters" bestehen blieb und nicht nur die ersten vielleicht zwei bis vierhundert Jahre anhielt. Mir kommt es oft so vor, als ob viele denken: Die Römer und Griechen, die kannten Wissenschaft, dann kam das Mittelalter, da war alles rückschrittig und dann kam die Renaissance, wo alles neue wiederentdeckt werden musste. Und dem war ja sicherlich nicht so.
Natürlich, durch den Zerfall des römischen Reichs gab es zunächst eine Periode großer politischer Instabilität, die bis in die Moderne vielleicht nie ganz geschlossen wurde. Gleichermaßen gab es Rückschritte in zivilisatorischen Künsten wie der Architektur (bis zum Hochmittelalter, mit der Gotik im Kathedralenbau sehe ich ein Patt), da ohne politische Stabilität und gesamtgesellschaftlichen Wohlstand bestimmte Großprojekte nicht möglich sind.
Aber insbesondere den propagierten Rückschritt in der Wissenschaft würde ich nicht so groß sehen, ich würde eher von zeitweisem Stillstand mit Umstrukturierung reden. Wenn man ehrlich ist, so war ja auch die Wissenschaft im römischen Reich (anders vielleicht noch als in Griechenland) eher auf einige Zentren verteilt (auch aber nicht nur: Rom, Alexandria). Durch den Wegfall dieser Zentren schlief das gesammelte Wissen teilweise ein und es wurde in manchen Bereichen nicht mehr viel weitergeforscht.
Insbesondere in den Naturwissenschaften (mit Mathematik) halte ich das aber für keinen richtigen Zufall: Zum ersten war die römische Astronomie und Mathematik bereits ein Rückschritt gegenüber dem, was Griechen und v.a. Babylonier konnten, zweitens waren einige dieser Themen ziemlich tot (in der euklidischen Geometrie bspw. gab es wirklich Neues erst im 19. Jahrhundert, also mehrere Jahrhunderte nach der "Wiederentdeckung") und drittens waren die Voraussetzungen für alle modernen Methoden noch gar nicht geschaffen. Ockham's Razor hast du schon angesprochen, aber z.B. auch die Einführung der arabischen Zahlen ermöglichte erst modernere Forschung. Solcher Art Paradigmenwechsel gab es einige im Mittelalter (z.B. auch die zunehmende Bedeutung der Städte).
Man kann also vielleicht sagen, dass es zu Beginn des Mittelalters einen temporären Rückschritt gab, der aber im Laufe des Mittelalters wieder aufgehoben wird - und es gab noch einen gehörigen Fortschritt oben drauf, der sich vielleicht nicht kulturell oder im gesellschaftlichen Wohlstand messen lässt, aber die Voraussetzungen für Aufklärung und Industrialisierung bot. _________________ I have seen war, I hate war
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