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innerparteiliche Diskussionen in der Geschichte der SPD
 
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Kasa
Gast





BeitragVerfasst am: 10. Dez 2010 21:24    Titel: innerparteiliche Diskussionen in der Geschichte der SPD Antworten mit Zitat

Hallo ihr Lieben,

ich finde Geschichte wirklich sehr spannend und habe deshalb Geschichte Leistung in meinem Fernstudium gewählt. Leider bin ich jetzt an einem Thema, in das ich so wirklich keinen Einstieg finde. Es geht um die Gründungsgeschichte der SPD und die innerparteilichen Debatten die dann im ersten Weltkrieg zur vorrübergehenden Spaltung der Partei führten.

Ich habe einen Schriftauszug von Engels zu Marx Neuausgabe der Klassenkämpfe in Frankreich, die ich in diese theoretischen Auseinandersetzungen einordnen soll.

Was aber auch in anderen Ländern geschehen möge, die deutsche Sozialdemokratie hat eine besondere Stellung und damit wenigstens zunächst auch eine besondere Aufgabe. Die zwei Millionen Wähler, die sie an die Urnen schickt, nebst den jungen Männern und den Frauen, die als Nichtwähler hinter ihnen stehen, bilden die zahlreichste, kompakteste Masse, den entscheidenden "Gewalthaufen" der internationalen proletarischen Armee. Diese Masse liefert schon jetzt über ein Viertel der abgegebnen Stimmen; und wie die Einzelwahlen für den Reichstag, die einzelstaatlichen Landtagswahlen, die Gemeinderats- und Gewerbegerichtswahlen beweisen, nimmt sie unablässig zu. Ihr Wachstum geht so spontan, so stetig, so unaufhaltsam und gleichzeitig so ruhig vor sich wie ein Naturprozeß. Alle Regierungseingriffe haben sich ohnmächtig dagegen erwiesen. Auf 21/4 Millionen Wähler können wir schon heute rechnen. Geht das so voran, so erobern wir bis Ende des Jahrhunderts den größeren Teil der Mittelschichten der Gesellschaft, Kleinbürger wie Kleinbauern, und wachsen aus zu der entscheidenden Macht im Lande, vor der alle andern Mächte sich beugen müssen, sie mögen wollen oder nicht. Dies Wachstum ununterbrochen in Gang zu halten, bis es dem gegenwärtigen |(2. Fassung:) herrschenden| Regierungssystem von selbst über den Kopf wächst, {diesen sich täglich verstärkenden Gewalthaufen nicht in Vorhutkämpfen aufreiben, sondern ihn intakt zu erhalten bis zum Tag der Entscheidung,} das ist unsere Hauptaufgabe. Und da ist nur ein Mittel, wodurch das stetige Anschwellen der sozialistischen Streitkräfte in Deutschland momentan aufgehalten und selbst für einige Zeit zurückgeworfen werden könnte: ein Zusammenstoß auf großem Maßstab mit dem Militär, ein Aderlaß wie 1871 in Paris. Auf die Dauer würde das auch über- |525| wunden. Eine Partei, die nach Millionen zählt, aus der Welt schießen, dazu reichen alle Magazingewehre von Europa und Amerika nicht hin. Aber die normale Entwickelung wäre gehemmt, {der Gewalthaufe wäre vielleicht im kritischen Moment nicht verfügbar,} der Entscheidungskampf |(2. Fassung:) die Entscheidung| würde verspätet, verlängert und mit schwereren Opfern verknüpft.

Die Ironie der Weltgeschichte stellt alles auf den Kopf. Wir, die "Revolutionäre", die "Umstürzler", wir gedeihen weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz. Die Ordnungsparteien, wie sie sich nennen, gehen zugrunde an dem von ihnen selbst geschaffenen gesetzlichen Zustand. Sie rufen verzweifelt mit Odilon Barrot: la légalité nous tue, die Gesetzlichkeit ist unser Tod, während wir bei dieser Gesetzlichkeit pralle Muskeln und rote Backen bekommen und aussehen wie das ewige Leben. Und wenn wir nicht so wahnsinnig sind, ihnen zu Gefallen uns in den Straßenkampf treiben zu lassen, dann bleibt ihnen zuletzt nichts anderes, als selbst diese ihnen so fatale Gesetzlichkeit zu durchbrechen.


Damit bin ich leider total überfordert. Könnt ihr mir einen Wink mit dem Zaunpfahl geben? Ich hätte hier ein paar Namen, die ich damit in Verbindung bringen könnte, aber wo muss ich mit dem Textauszug hin?

1. Bernstein
2. Weitling
3. Vollmar
4. Bebel

Verzweifelte Grüße
Xabotis
Gast





BeitragVerfasst am: 10. Dez 2010 22:08    Titel: Re: innerparteiliche Diskussionen in der Geschichte der SPD Antworten mit Zitat

Wow, harter Stoff, aber da beißt du dich auch noch durch, glaub mir Thumbs up!

was genau für eine Einordnung suchst du denn, ne datistische, eine ereignisverknüpfte, eine ideologische, oder eine Gesamthistorische?
Willkommen
Kasa
Gast





BeitragVerfasst am: 10. Dez 2010 22:58    Titel: Antworten mit Zitat

Tja, wenn ich das wüsste...

ich schätze es geht um eine ideologische, aber genau wissen tue ich es nicht. Die Aufgabe ist so lapidar formuliert und ich seh schon die Kommentare in rot, das ich das hätte leicht beantworten können müssen... unglücklich
MI
Administrator


Anmeldungsdatum: 01.11.2004
Beiträge: 1710
Wohnort: München

BeitragVerfasst am: 12. Dez 2010 01:04    Titel: Antworten mit Zitat

Ohne noch genauer zu wissen, was ihr gerade macht, ist das vermutlich wirklich nicht so einfach. Ich denke, eine gewisse Einordnung dieses Werkes in den historischen Kontext sollte dir selbst gelingen.

Ich selbst kann dir ja mal ein paar Gedanken, die ich dazu habe, aufschreiben, aber ich bewege mich da selbst auf extrem dünnen Eis - nicht nur, weil das überhaupt nicht zu meinen Spezialgebieten gehört (die Namen musste ich auch nachschauen und so wirklich Bescheid weiß ich darüber auch nicht), sondern auch, weil ich auch nicht wirklich weiß, worauf die Aufgabenstellung abzielt.

Also trotzdem mal los:
Du hast die Gründungsgeschichte der SPD vielleicht vor Augen. Die innerpolitischen Spannungen um die Zustimmung zu Kriegskrediten vielleicht auch. Die Gründung geschah ja auch aus den zunehmenden Repressalien gegenüber den Sozialisten durch die staatlichen Organe heraus, d.h. die gegründete Partei war eine äußerst heterogene Partei mit eher gemäßigten und sehr radikalen Kräften. Gerade die sehr radikalen Kräfte forderten ja teilweise die sozialistische Revolution.
Dahingegen war das Hauptproblem, was zur Spaltung der Partei führte, die Zustimmung oder Ablehnung des Krieges.

Und hier kommt jetzt dein Dokument ins Spiel. Meiner Meinung nach vertritt Engels zwei/drei Kernthesen:
1. Der Umsturz durch die Sozialdemokratie wird kommen. Die Sozialdemokratie wird - im Rahmen der Gesetze - langsam aber unaufhörlich stärker und in naher Zukunft stärker sein als die Regierung.
2. Dieser Prozess ist nicht aufhaltbar im Rahmen der Gesetze. Aber auch, wenn die Regierung selbst die Gesetze übertritt, so wird sie die Sozialdemokratie nicht auf Dauer aufhalten können.
3. Ein Krieg könnte die Sozialdemokratie zurückwerfen (aber nicht aufhalten), da ihre Kraft durch Tote geschwächt wird.

Der Text wirkt auf mich so wie ein bisschen "Abwarten und Teetrinken" und passt ziemlich gut zu der Politik von Bebel. Man versucht sich - mehr oder weniger - an die Gesetze zu halten und über das Parlament an Macht zu gewinnen. Dazu müssen natürlich umstürzlerische Tendenzen unterdrückt werden, dieser Umsturz aber ist ja, was Marx propagiert haben soll, der ja eines der theoretischen Fundamente bildet.
Auf der anderen Seite spricht sich der Text sehr stark für einen Pazifismus aus, weil jeder Krieg nur der Sozialdemokratie schadet (weil diese das Kanonenfutter bildet). Auf der anderen Seite sind aber auch die Sozialdemokraten/Sozialisten patriotisch, weswegen sie unabdingbare Kriege nicht par tout ablehnen können.

Das bedeutet: Eines der Kernprobleme der theoretisch/ideologischen Sozialdemokratie damals ist wohl die Interpretationsfrage: Wie soll man die kommende sozialistische Revolution verstehen? Als gesellschaftlichen Umsturz, oder als schleichenden, unabwendbaren Prozess?
Das Dokument von Engels vertritt hier eindeutig die zweite These, dem kommunistischen Manifest bspw. sagt man ja meistens die erste zu, Bebel zum Beispiel passt in die Richtung von Engels, Liebknecht vermutlich eher nicht.

Das jetzt - in eher wenig geordneter Form - einige Gedanken meinerseits. Vielleicht kannst du damit was anfangen und hoffentlich liegen sie zumindest nicht in den Tatsachen daneben Augenzwinkern - ob sie zur Aufgabenstellung perfekt passen ist dann noch eine andere Frage.

Gruß
MI

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I have seen war, I hate war
Franklin D. Roosevelt
Kasa
Gast





BeitragVerfasst am: 13. Dez 2010 13:36    Titel: Antworten mit Zitat

Vielen Dank schonmal für dieses ausführliche Statement.

Die Geschichte der SPD habe ich grob vor Augen, genauso die Gründe, die zur Spaltung im 1. Weltkrieg geführt haben. Allerdings ist der Text 1895 verfasst worden, d.h eine Bezugnahme auf den ersten Weltkrieg und die Kriegskredite kann ich ausschließen.

Was mich jetz weiterhin so verunsichert ist die Tatsache, das es sich dabei ja um die Klassenkämpfe in Frankreich geht und diese wiederum würde ich etwa um 1848 also die Zeit der Agrarrevolution in Deutschland und etwas früher ansiedeln. Damit hab ich dann aber 2 Daten die ich nicht unter einen Hut bekomme, zumindest mit der Interpretation des Textes.

Die innerparteilichen Kriesen in der SPD dagegen sind ja bei der Zustimmung zu den Kriegsdelikten erst eskalliert, d.h es gab ja schon vorher die stetige Frage, welcher Taktik die SPD zum Erreichen ihres Ziels jetzt verfolgt. Marx und einige andere "radikale" Kommunisten erwarteten ja den Umsturz des Systems durch einen Proletarieraufstand, während Bernstein z.B nach seinem Englandaufenthalt eine viel schleichendere Umwälzung befürwortete und vertrat. Ich sage da nur "war die SPD nun eine reine Revolutionpartei oder stand die Entstehung der Demokratie an oberster Stelle und ging mehr oder minder mit einer Revolution einher?"

Nunja...
Ich musste meine Aufgaben jetzt schon einreichen und ich hab ein ganz mieses Gefühl diesmal. Die Aufgaben waren allesamt sehr schwer und unklar definiert, aber ich würde trotzdem gerne wissen, was ich zu dieser Aufgabe nun hätte schreiben können.

Also, falls noch jemand Ideen hat, als her damit.

Liebe Grüße
MI
Administrator


Anmeldungsdatum: 01.11.2004
Beiträge: 1710
Wohnort: München

BeitragVerfasst am: 13. Dez 2010 22:32    Titel: Antworten mit Zitat

Kasa hat Folgendes geschrieben:

Die innerparteilichen Kriesen in der SPD dagegen sind ja bei der Zustimmung zu den Kriegsdelikten erst eskalliert, d.h es gab ja schon vorher die stetige Frage, welcher Taktik die SPD zum Erreichen ihres Ziels jetzt verfolgt. Marx und einige andere "radikale" Kommunisten erwarteten ja den Umsturz des Systems durch einen Proletarieraufstand, während Bernstein z.B nach seinem Englandaufenthalt eine viel schleichendere Umwälzung befürwortete und vertrat. Ich sage da nur "war die SPD nun eine reine Revolutionpartei oder stand die Entstehung der Demokratie an oberster Stelle und ging mehr oder minder mit einer Revolution einher?"


Genau das meine ich ja auch. Und in diese Auseinandersetzungen soll jetzt dieses Dokument eingeordnet werden.
Und dann würde ich eben sagen, dass Engels sich dabei ganz offensichtlich eher auf die Seite der Demokraten schlägt (zumindest für die DEUTSCHE Sozialdemokratie), da ja der Umsturz unabdingbar ist und man nur ein wenig warten müsse (lapidar formuliert).

Vielleicht wollten die das - mit mehr Begründung - hören? Genau kann ich es leider auch nicht sagen. Wenn du eine Antwort dazu bekommst, interessierte mich das auch!

Gruß
MI

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Franklin D. Roosevelt
Kasa
Gast





BeitragVerfasst am: 14. Dez 2010 19:32    Titel: Antworten mit Zitat

Ja ist gut, wenn ich die Antwort bekomme, dann schreibe ich es hier her. smile
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