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Gast
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Verfasst am: 15. Feb 2005 16:14 Titel: Vorurteile im Mittelalter gegen Juden |
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Hi ihr !
Ich muss herausfinden was für Vorurteile es im Mttelalter gegen Juden gab, noch wichtiger jedoch ist, wie diese Vorurteile entstanden sind.
Also ich hab schon gegoogelt aber nichts gefunden!
Könnt ihr mir vielleicht helfen?
Wäre echt voll lieb von euch, also vielleicht wisst ihr ja etwas!
Danke schonmal
anna |
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Kyros Gast
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Verfasst am: 15. Feb 2005 17:18 Titel: |
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Das Mittelalter ist in mancher Hinsicht die grausamste Zeit für die Juden gewesen - wenn man einmal von unserem Jahrhundert absieht. Nach einigen Jahrhunderten relativer Ruhe sind im Verlauf des ersten Kreuzzugs 1096 die ersten großen Massaker an Juden erfolgt und im 12. / 13. Jahrhundert in allen weiteren Kreuzzügen wiederholt worden. Über einhundert jüdische Gemeinden vorwiegend in Deutschland, aber auch in Nordfrankreich, Österreich und der Schweiz, wurden zerstört. Zehntausende von Juden starben auf dem Scheiterhaufen oder eines anderen gewaltsamen Todes. Ende des 13. Jahrhunderts tauchte in Bayern und Österreich das Phänomen der "Judenschlächter" auf - Anlaß war der damals sehr geläufige Vorwurf einer Hostienschändung durch Juden. Innerhalb weniger Jahre fielen 100.000 Juden diesem Wahn zum Opfer. Fünfzig Jahre später folgten die Judenmassaker der Pestzeit - diesmal warf man ihnen vor, die Brunnen der Christen (aus denen sie selber tranken!) vergiftet zu haben.
Eine Welle der Massenhysterie folgte der anderen. Anstifter waren oft kirchliche Führer, manchmal auch die weltliche Obrigkeit. Täter waren in der Regel der aufgestachelte Mob, der alle seine Frustrationen, Ängste und Vorurteile gegen die Juden in Form von Folter, Massaker oder Vertreibungen abreagierte. Hunderttausende von Juden mußten im Laufe dieser Jahrhunderte allein im deutschsprachigen Raum ihr Leben lassen. Weitere unzählige Menschen wurden vertrieben, in Ghettos eingepfercht der bürgerlichen Recht beraubt und finanziell ausgebeutet.
In einigen Regionen Europas (z.B. im katholischen Polen, aber auch im orthodoxen Rußland und der Ukraine) blieb dies das allgemeine Schicksal der Juden bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts hinein. Eine aktuelle Untersuchung der Evangelischen Marienschwestern in Darmstadt geht davon aus, daß es seit der Zeit der Kreuzzüge in mindestens 377 Orten Deutschlands mindestens 580 Pogrome gegen Juden gegen hat - die Nazizeit nicht mitgerechnet!
Leider muß von Luther gesagt werden, daß er - nach guten Ansätzen in seinen jüngeren Jahren - letztendlich theologisch und rhetorisch uneingeschränkt dem verhängnisvollen Weg der Kirchenväter gefolgt ist.
Nachdem Luther zunächst hoffte, die Juden gewinnen zu können, und ihm dies nicht gelungen ist, hat er einen brennenden Zorn gegen sie entwickelt, der sich in mehreren schriftlichen Veröffentlichungen und einer großen Zahl von haßerfüllten antijüdischen Predigten niederschlug. In einer dieser Schriften, "Schem Haphoras" schrieb Luther, an Chrysostomus erinnernd, beispielsweise:
"Juden sind Brunnenvergifter, rituelle Mörder, Wucherer, Parasiten der christlichen Gesellschaft, schlimmer als Teufel, schwerer zu bekehren als Satan selbst. Sie sind zur Hölle verdammt. Sie sind in Wahrheit der Antichristus. Ihre Synagogen sollen zerstört und ihre Bücher verboten werden. Sie sollen gezwungen werden, mit ihren Händen zu arbeiten oder besser noch, sie sollen von den Fürsten aus deren Gebiet verjagt werden."
Diese Worte blieben nicht ohne Wirkung. In den 150 bis 200 Jahren nach der Reformation wurden auch in protestantischen Regionen sowohl von Seiten der Kirchenfürsten als auch von Seiten der weltlichen Territorialfürsten verschiedenste Formen von Diskriminierungen, Ghetto-Bildung und Vertreibungen zugelassen oder veranlaßt. Weitreichender noch ist vielleicht die Tatsache, daß durch diese Weichenstellung Luthers große Teile des Protestantimus (einschließlich der meisten Freikirchen) die "Ersatztheologie" der Kirchenväter bewußt oder unbewußt übernommen haben. Und nicht zuletzt hat sich das nationalsozialistische Regime immer wieder ausdrücklich auf Luther berufen.
Erst durch Teile des Pietismus (z.B. Graf Ludwig von Zinzendorf) kam es (was den deutschspachigen Raum betrifft) in weiteren Kreisen des Protestantismus zu einer veränderten Einstellung gegenüber dem jüdischen Volk und unseren jüdischen Wurzeln.
Aber hinsichtlich der Jahrhunderte nach der Reformation im allgemeinen und hinsichtlich der nationalsozialistischen Zeit im besonderen muß jedoch festgestellt werden, daß es, aufs Ganze betrachtet, in Bezug auf Theologie und Praxis in Deutschland keine grundlegenden Unterschiede zwischen katholischen und protestantischen Gegenden gab - einfach deshalb, weil die Reformation an dieser Stelle leider nicht wirksam geworden ist.
Die "Ersatztheologie" ist als eine verhängnisvolle Irrlehre zu betrachten.
Bei aller Vielfalt an Versagen und Verirrungen der christlichen Kirche im Verlauf seiner fast zweitausendjährigen Geschichte stellt der christliche Antisemitismus den konkurrenzlosen Höhepunkt christlicher Schuld dar.
Deutschland ist in den letzten ca. tausend Jahren das Land gewesen, in dem sich diese schuldhaften Verirrungen und Entgleisungen am dauerhaftesten und verhängnisvollsten ausgewirkt haben - wobei der Holocaust als die furchtbare Ernte einer lang anhaltenden Saat anzusehen ist, für welche die Christenheit die Hauptverantwortung trägt.
Ein wesentlicher Unterschied zur Verfolgung während des sog. "3.Reiches" ist der, dass im Mittelalter Juden aufgrund ihrer (nicht christlichen) Religion verfolgt wurden. Die Nazionalsozialisten schürten dagegen einen "Rassenhass", indem sie die Juden als "fremdes Volk" titulierten, aber das war ja nicht mehr Gegenstand der Frage. |
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GoTo Ehrenmoderator

Anmeldungsdatum: 08.09.2004 Beiträge: 701
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